Angela Marina Reinhardt: “Leonora und die schnellen Reiter”

Hier die ersten anderthalb Kapitel als exklusive Leseprobe für dich. Gute Reise! 🇮🇹🏔🇸🇮


Kapitel 1

11. November 1920, Triest, einst Teil des Kronlands »Österreichisches Küstenland«, seit etwa einem Jahr offiziell zu Italien gehörig  

An dem Tag, als sie den Brief erhielt, streifte Leonora Scarpa durch die regennassen Straßen und redete sich ein, sie ginge nur spazieren.

Sicher: Am Rande der neu benannten Piazza Oberdan verstärkte der Duft eines Maronibraters das Knurren ihres Magens. Und ausgerechnet vor dem niedergebrannten Narodni Dom glaubte sie für einen Schreckmoment, in einem Passanten Will zu erkennen. Doch ansonsten konnte Leonora sich sagen, es sei alles in bester Ordnung – tutto bene! -, sie habe derzeit ohnehin kaum Appetit und ein Nachmittagsspaziergang in den Gassen ihres alten Stadtviertels habe nichts zu bedeuten. 

Es gelang ihr auch fast, dies zu glauben. 

Ein grauer Winterhimmel hing tief über der Dächern Triests und es dämmerte bereits, als sie in die Via San Nicolò bog, die von hier aus bis zum Hafen verlief. Unablässiger Regen tropfte von der dürftigen Krempe ihres Glockenhuts in den Kragen und tränkte den Stoff des Mantels. Niemand achtete auf sie, eine magere junge Frau wie so viele, ohne Schirm und in den immer gleichen Schuhen. Getrieben von den immer gleichen Gedanken: Und was, wenn er doch zurückkehrt? Wo soll er mich finden, wenn nicht hier? 

Leonora verharrte im Schutz eines der Hauseingänge gegenüber der Ecke zur Via San Spiridione und beobachtete den Eingang der Buchhandlung. Ihr Blick glitt über Passanten und Cafébesucher, dunkle Scharen von Witwen mit Einkaufskörben, ein Brauereifuhrwerk und die elektrische Tram. 

Man hört doch von österreichischen Kriegsgefangenen, die Italien bis in die libysche Wüste verfrachtet hat! Noch immer rollen Züge mit Entlassenen zurück nach Wien. Außerdem: Hat er nicht geschworen, mich zu finden, wenn er freikommt? 

»Signorina? Signorina Scarpa, hören Sie?!« 

Von der Buchhandlung gegenüber winkte man ihr energisch zu, und einem ersten Impuls folgend, wandte sich Leonora ab und tat, als habe sie nichts gehört. 

»Aber ich bitte Sie, Signorina! So kommen Sie! Welch glücklicher Zufall.« 

Ein Zufall? … und glücklich?! Widerstrebend querte Leonora die Straße. 

Der Buchhändler – ein Zugezogener namens Piccoli, der bei der Zwangsversteigerung den Zuschlag erhalten hatte – wirkte sichtlich erleichtert, Leonora zu sehen. »Die Post, wissen Sie?«, rief er. »Es ist doch noch einiges an Briefen für Sie gekommen. Und erst dann fiel mir auf, dass mir gar nicht bekannt ist, wohin Sie verzogen sind.« Signor Piccoli öffnete die Tür zur Buchhandlung mit einer einladenden Geste. 

Alles, nur das nicht! 

Rasch erklärte Leonora, sie habe es leider sehr eilig und könne nicht bleiben. Ob der Herr so freundlich sei, ihr die ausstehende Post herauszubringen? 

Während der Buchhändler im Inneren des Ladens verschwand, bekämpfte sie erneut den Impuls, einfach fortzulaufen. Aber vielleicht gab es eine Nachricht von Will? Unschlüssig trat Leonora von einem Bein aufs andere, ließ ihren Blick über die im Dauerregen glänzenden Straßen des belebten Viertels gleiten.

Dort. Ein Veteran an Krücken bog wenige Meter neben ihr in eine Seitengasse. Sie sah ihn nur von hinten, hochgezogene Schultern, zerschlissener Mantel, dunkler Hut. Moment, ist er es?! Ohne zu überlegen, war sie mit wenigen Schritten bei dem Mann, rief etwas, fasste ihn am Arm. Erstarrte, als dieser sich umdrehte. Die Augen, leer und kalt, gehörten einem Fremden. »Oh … mi scusi.« Mit einer gemurmelten Entschuldigung wandte Leonora sich ab und kehrte zum Buchladen zurück. Ihre Welt verblasste erneut zu tristem Grau.
Gott, es nimmt einfach kein Ende

»Signorina?« Da war der Buchhändler wieder. »Geht es Ihnen gut? Sie kommen mir vor, als hätten Sie einen Geist gesehen.« 

Auf Leonoras flüchtige Zusicherung hin erklärte er, dass künftig wohl keine weitere Post zu erwarten sei, den letzten Brief habe er vor mindestens zwei Wochen bekommen. Signor Piccoli drückte ihr ein verschnürtes Päckchen Briefumschläge in die Hand. »Dies ist es so weit. Undwenn ich sonst noch etwas für Sie tun kann. Irgendetwas…?« 

Sein mitfühlender Blick ärgerte Leonora. »Vielen Dank, ich komme zurecht«, erklärte sie knapp. 

»Sicher?«

»Absolut. Aber danke, falls ich Hilfe benötige, werde ich mich an Sie wenden.«

Das hielt den Mann auf Distanz. Nach einem Schulterzucken und einem freundlichen Abschiedsgruß verschwand er wieder in der Buchhandlung.

Seiner Buchhandlung.  

Leonora unterzog das Briefbündel einer kurzen Prüfung, ohne die einzige Handschrift zu entdecken, die ihr wichtig gewesen wäre. Dann studierte sie ein letztes Mal die Front der Buchhandlung, wo nun der schlichte Schriftzug »Piccoli« über dem Eingang prangte und nicht mehr das verzierte Blechschild ihres Vaters: »Ludovico Scarpa – Antiquario dei Libri«.

Leonora ahnte es längst: Dieses Kapitel ihres Lebens war abgeschlossen. Und so verließ sie die Via San Nicoló, den Ort, an dem sie einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hatte.

* * *

Zurück in ihrem Pensionszimmer unweit des Fischereihafens, befüllte Leonora den winzigen Heizofen zunächst mit etwas Zeitungspapier und ein paar dürren Holzspänen. Mit klammen Fingern entzündete sie das Brenngut und wartete, während ihr der Atem vor dem Gesicht stand. Erst als die Flammen die Holzspäne sicher erfasst hatten, legte sie zwei der kostbaren Kohlebriketts nach, wohl wissend, dass die Menge kaum ausreichen würde, um die Kälte dauerhaft zu vertreiben. Während der Ofen nun schwach glimmte, nahm sie eine Schere und durchschnitt die Schnur, die das Briefpäckchen zusammenhielt. 

Bescheide, Rechnungen, Mahnungen, dazu eine Kondolenzkarte, ein Brief, einige Anwaltsschreiben und noch eine Mahnung. Wie Leonora vermutet hatte: Nichts deutete auf eine Auskunft über Wills Verbleib hin, geschweige denn auf ein Lebenszeichen von ihm. Sie schlitzte die Umschläge mit dem Küchenmesser auf und warf deren Inhalt nachlässig auf den Überwurf ihres Bettsofas. Nur ein besonders fest verklebter Umschlag mit Absenderadresse in Golddruck erregte einen Hauch von Interesse bei ihr. 

Glauca will sein Geld, der Schmierlappen. 

Ugolino Glauca betrieb nicht nur die größte Bedachungsfirma Triests, sondern war auch Schwager und Geschäftspartner eines der mächtigsten Faschistenführer der Stadt. Er hatte den üblen Sturmschaden am Gebäude, in dem sich die Buchhandlung befand, repariert und dafür einen Wucherpreis verlangt. Die anschließende Rechnung mit den horrenden Verzugszinsen hatte ihr Vater aus Trotz ignoriert. 

Jetzt, weitere sechs Monate später, war der Betrag noch höher als zuvor, und Glaucas Geduld neigte sich, wie er schrieb, dem Ende zu, ungeachtet seines Verständnisses für Leonoras »prekäre Situation«. Er zeigte sich auch irritiert, dass sie seine frühere Einladung, bei einem Diner à deux im Restaurant Miramar über die Außenstände zu sprechen, so kühl abgelehnt hatte. Und drohte, diese seinem Schwager zu melden, sollten sie nicht bis zum Monatsende beglichen sein. Was dies für sie hieße, könne sie sich ja denken. Ihre teils slawische Volkszugehörigkeit und die verdächtige Vorkriegsverbindung mit diesem Österreicher täten dann ihr Übriges. Man könne sie jederzeit abschieben und in einen Zug setzen, der über den Karst nach Osten führe. Es sei denn, sie würde endlich zahlen.

Leonora schnalzte mit der Zunge, formte aus Glaucas Schreiben eine Rolle und stopfte sie durch das Fensterchen ihres Herdofens in die Glut. Hell flammte das Papier auf und verbreitete kurzzeitige Wärme. Immerhin ein Nutzen. 

Sie machte sich keine Illusionen darüber, dass sich die Forderung des Dachdeckers nicht ganz so leicht aus der Welt schaffen lassen würde. Sie brauchte also Geld, und sie brauchte es bald. Ihre verbliebenen Ersparnisse, die mittlerweile in ein Leinensäckchen passten, das sie stets am Körper trug, würden niemals reichen. Und noch so viele Schichten im Fernmeldeamt oder in der Fischfabrik würden nicht genügen, die Gesamtschuld bis zum Monatsende abzulösen. 

Leonora überkam jähe Verzweiflung. Sie war drauf und dran, auch den Rest dieser unerträglichen Post in den Ofen zu befördern, da blieb ihr Blick an einem etwas kleineren Umschlag hängen und am Stempel über der Briefmarke. 

Gutes Papier, ja, geradezu teures Papier war dies bei genauem Hinsehen. Ihr Messer fuhr glatt durch den oberen Falz, enthüllte ein Seidenpapierfutter und darin einen handgeschriebenen Brief mit Schriftzügen, dünn wie ein Spinnenbein auf elfenbeinfarbenem Grund. Gerichtet war der Brief an »L. Scarpa«, Antiquar in Triest und kam nach einer eher mageren Einleitung auch gleich zum Punkt. 

»… müsste Signore einen Blick auf die in Frage kommenden Werke werfen. Es ist eine umfangreiche Bibliothek mit lateinischen und altitalienischen Werken, die sich seit Generationen im Besitz meiner Familie befindet. Ein progredientes Brustleiden macht es mir leider unmöglich, die Bibliothek für längere Zeit aufzusuchen, der Staub und die Ausdünstungen der Folianten lassen dies nicht zu. Umso wichtiger wäre mir eine fachkundige Katalogisierung des aktuellen Bestandes, dazu womöglich ein Gutachten samt Wertangaben für die kostbarsten Bücher.
Ein mehr als adäquates Quartier sowie angemessene Kost und Betreuung sind selbstverständlicher Teil des Arrangements. Unabdingbar wäre, dass das Unterfangen bis zum Blutmond am 22. November diesen Jahres abgeschlossen ist. Auch die Honorierung würde sich bei Termintreue in einem großzügigen Rahmen bewegen.«

Darunter stand eine Summe, die Leonoras Sorgen mit einem Schlag in Luft aufgelöst hätte. Doch nicht das war es, was ihr Herz einen Moment aussetzen ließ. Es war der Schriftzug des Unterzeichners am Ende des Briefes und der Ort, an dem er offenbar geschrieben worden war. 

»Cavallar« stand da und »Bohinj«. Und im nächsten Augenblick hatte Leonora sich entschieden.

Kapitel 2

12. November 1920, das Isonzo-Tal, Schlachtfeld im Großen Krieg, von Italien ebenso beansprucht wie von dem neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen

Schon am nächsten Morgen durchquerte Leonora die Bahnhofshalle der Stazione Campo Marzio und bestieg wenig später einen der instand gesetzten Waggons der alten Karstbahn Richtung Norden.

Ihr einziger Mantel, schon für Triest reichlich dünn, würde ihr im Hochgebirge keine Hilfe sein. Und ihre sonstige Kleidung war so überschaubar, dass sie in die Reisetasche des Vaters passte, ein handliches Ding aus abgewetztem Leder. Den Rest ihrer Habe trug sie am Leib. 

Ihren kostbarsten Besitz hätte sie ohnehin nie anderswo als in der Nähe ihres Herzens getragen: Wills Feldpostkarte vom August 1917, sein letztes Lebenszeichen, geschickt vom Bohinj-See. Er sei gut untergebracht, stand da, in einem Haus, das sonst der Kirche gehöre. Nahebei, in einem riesigen Anwesen, das dort einsam am See läge, seien sie sogar von der Hausherrin, einer Baronin von Cavallar, auf das Freundlichste empfangen worden. Was Will sonst noch geschrieben hatte, wusste Leonora längst auswendig. Sie konnte seine vertraute, etwas raue Stimme beinahe hören, wie sie nach und nach alle aufgesetzte Munterkeit verlor und seine Angst, seine Sehnsucht und unendliche Erschöpfung preisgab.

»Nun, so stehen die Dinge, oder zumindest sollten sie im besten Falle stehen, wenn dich diese Karte erreicht. Aber wenn ich ehrlich bin, dann sehne ich mich doch nur nach dir. Es ist seltsam hier am See, eine Art Zwischenreich, ohne Gewissheit, ohne Zukunft. Und hinter den Bergen die Front. Doch alles, was ich will, ist Dich wiedersehen! Ja, ich sage mir immer wieder: Wenn das hier vorbei ist, komme ich zu Dir zurück. Ich werde ich Dich finden, wo immer Du dann bist, und wir werden heiraten, versprochen. Ach, Liebchen, bete für mich! Vom Isonzo hört man von einer weiteren Offensive und unser Schicksal ist ungewiss.«

Leonora suchte ein Abteil mit einem freien Gangplatz und Mitreisenden, die nicht danach aussahen, als seien sie auf Unterhaltung aus. In einem der letzten Waggons wurde sie fündig und nahm Platz neben drei slowenischen Greisen, deren verwitterte Mienen sich bei ihrem Eintreten verschlossen.

Sie halten mich einfach nur für eine Italienerin. Gut, sollen sie.

Leonora verstaute die Reisetasche im Gepäcknetz und machte es sich in ihrer Ecke am Gang bequem. In einem großen Halbrund umfuhr der Zug den Süden Triests und erklomm wenig später mit ratternden Rädern und quietschenden Kuppelstangen den Karst.
San Vito, Guardiella, Ponte Blu: Die Lok stampfte den Berg hinan und schickte ihren Rauch über die Adria, die sich tief unter ihr im auffrischenden Wind kräuselte, von schweren Wolken mit Regenschleiern überzogen. Trübes Grau, das in noch mehr trübes Grau überging. Leonora lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Keine hundert Meter, und sie würden oberhalb von Barcole entlangrollen, dem Vorort, an dessen Küste man die herrlichsten Sommertage verbringen konnte. Auch ohne hinzusehen, wusste Leonora, wie türkisblau das Meer dort dann leuchtete, wie schneeweiß der Strand und wie rubinrot die Bougainvilleen. 
Der letzte Sommer in Barcole. 
Wills lachendes Gesicht unter einem Strohhut tauchte vor ihrem inneren Auge auf, sein Leinenhemd über den gebräunten Unterarmen. Und seine starken Hände, mit denen er sie am Strand hochgehoben und im Kreis herumgewirbelt hatte. Hurra, mein Liebchen, hurra! Sein übermütiges Lachen und der Geschmack seines Kusses auf ihren Lippen. An jenem Tag hatten sie sich verlobt. Und nur wenige Wochen später war es ebenfalls in Barcole, dass er ihr von seinem Marschbefehl erzählte. Leonora hielt die Augen fest geschlossen. Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit auf die nächsten Schritte zu richten.

Die Besitzerin der Bibliothek, ebenjene frühere Baronin von Cavallar, würde sich wahrscheinlich wundern. Schließlich stünde statt des erwarteten Antiquars Ludovico Scarpa dessen vierundzwanzigjährige Tochter vor der Tür. Was sie sich von ihrem Vater abgeschaut hatte, würde ebenso wenig für die Begutachtung der Bibliothek ausreichen wie ihr Literaturstudium, das sie aufgrund des Krieges vorzeitig abgebrochen hatte. Wenn Leonora es sich recht überlegte, war es geradezu dreist, dass sie anstelle ihres Vaters zu Frau Cavallar fuhr. 

Doch Ludovico Scarpa war tot, gestorben an einem Fieber nur Stunden vor Inkrafttreten eines Vertrages, mit dem Italien einen Großteil der von ihm ersehnten »unerlösten Gebiete« zugesprochen bekam. Gebiete, durch die Leonora nun reiste.

Eigentlich ein Witz. Was hätte es dem sturen, alten Irredentisten bedeutet, diesen Tag noch zu erleben.

Mit leisem Unbehagen blickte sie aus dem Abteilfenster, entdeckte das schwarze Gerippe einer ausgebrannten Kirche auf den Karsthöhen und beschloss, nicht mehr hinauszuschauen. Besser, sie konzentrierte sich auf ihren Auftrag. 
Diese ehemalige Baronin wird mir den Auftrag geben – sie muss einfach! –, und ich bin alle Geldnöte los. Wie verzweifelt Leonora darüber hinaus hoffte, am See von Bohinj mehr über Wills Schicksal zu erfahren, das wagte sie nicht einmal sich selbst einzugestehen. 

* * *

Zwei Stunden später fuhr der Zug in Görz ein, das nun Gorizia hieß. Die ersten Ausläufer der Julischen Alpen waren erreicht, und der italienische Schaffner nannte die Strecke bereits »Transalpina« – ein neuer Name für die alte Hochgebirgsroute.

Leonoras Sitznachbarn stiegen aus, und sie blieb einen Moment mit ihren Gedanken allein. Sie hatte sich einen Kriminalroman zum Lesen mitgenommen – Conan Doyles Il cane dei Baskerville – und mied weiterhin den Blick aus dem Abteilfenster. Nur der kalte Luftzug, der durch die undichten Scheiben drang, verriet ihr, dass die Temperatur nun auch den letzten Rest südlicher Wärme verlor und sie dem Winter entgegenfuhren.

Bald darauf öffnete sich die Abteiltür erneut und der Schaffner führte einen jungen Priester am Arm hinein. Dieser trug eine tiefschwarze Brille, unter deren Rand sich ein Netz feiner Narben zeigte. Ein Kriegsblinder? Der Priester dankte seinem Helfer mit leiser Stimme und ließ sich von diesem erklären, wie viele Stationen er bis Bohinjska Bistrica zählen müsse. Offenbar hatte der Priester dasselbe Ziel wie sie. 

»Also hält der Zug neun Mal?« 

»Ganz recht, Padre Luka, Sie zählen einfach neun Stationen … hm, und noch der Tunnel, versteht sich.« 

»Ach ja, der Tunnel.« Die Lippen des Priesters kräuselten sich zu einem spöttischen Lächeln. »Nun, der Tunnel wird für mich keinen Unterschied machen, was meinen Sie?« 

Der Schaffner schaute entsetzt, aber Leonora entfuhr ein winziges Schnauben der Belustigung. Dieser Pfarrer hatte Nerven! Kaum war der Schaffner gegangen und die Fahrt wieder in vollem Gange, drehte sich der Blinde, den der Schaffner mit »Padre Luka« angesprochen hatte, in ihre Richtung. »Mir scheint, ich teile dieses Abteil mit einer jungen Dame voller Humor …«

Woher wusste er …? Leonoras Verlegenheit schien dem Priester ebenso offenbar zu sein wie ihre vorherige Belustigung, denn er versicherte ihr in gepflegtem Italienisch, dass er sie keineswegs beschämen wolle. »Ich bitte Sie in aller Form um Verzeihung, Signorina, manchmal packt mich der Übermut ob der Tatsache, dass mir dieser schreckliche Krieg wenigstens das feine Gehör gelassen hat. Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle? Padre Luka Furlan, früher einmal Prälat von Görz. Nach Einnahme der Stadt hat man mich als Feldgeistlichen mit der italienischen Armee an die Front geschickt … und so kam ich wenig später zurück.«  

»Mi dispiace«, murmelte Leonora, doch es ging in dem Lärm unter, mit dem der Zug nun über das stählerne Behelfskonstrukt der Brücke von Solkan hinüber zum Westufer des Isonzo ratterte. Fast zwei Jahre nach Kriegsende war der einst größte gemauerte Eisenbahnviadukt der Welt noch nicht wiederaufgebaut. Leonora spürte das Beben des Stahls unter dem Gewicht der Lok, die in beinahe vierzig Meter Höhe über dem Fluss schwankte. Sie umfasste das Polster des Sitzes fester. 

Wie konnten wir nur an die Zukunft glauben? Wie konnten wir uns je sicher fühlen? Nichts ist sicher.   

Padre Lukas Stimme holte sie aus ihren Grübeleien. »Man sagte mir, Sie fahren auch zum See, Signorina …?« Er schwieg erwartungsvoll und Leonora nannte ihm pflichtschuldigst ihren Namen. »Kennen Sie sich denn aus am See von Bohinj?«, fragte sie dann, und der Padre lächelte.  

»Recht gut. Ein eindrucksvoller Ort! Im Juni 1914, noch vor Ausbruch des Krieges, verbrachte ich dort einige Wochen zur Sommerfrische im Heilig-Geist-Hospiz. Und meine Familie besaß einst ein Stück Land zwischen Bohinjska Bistrica und Bled.« Er hielt inne, als suche er nach den richtigen Worten. »Nun, das war auch vor dem Krieg.« 

Vor dem Krieg. 

Leonora bemerkte einen Beiklang in der Sprachmelodie des Priesters und dass er die Ortsnamen korrekt aussprach. Hatte auch der Padre slowenische Wurzeln? Dann war es dieser Tage bestimmt nicht leicht für ihn in Gorizia, mit den Schwarzhemden der Faschisten allerorten und der immer offeneren Feindschaft gegenüber allem Slowenischen.

Entgegen ihrer Gewohnheit offenbarte Leonora dem Padre ihre Herkunft, und dieser bestätigte ihre Vermutung. Sie tauschten sich über ihr Leben zwischen zwei Kulturen aus, und Leonora erzählte, dass ihre Mutter aus einem Dorf im oberen Isonzotal stamme, wo sie als Kind oft gewesen sei. »Aber Bohinj kenne ich nur aus den Schauergeschichten meiner slowenischen Tanten«, erklärte sie. Und vom Poststempel der letzten Karte meines Verlobten, hätte sie fast hinzugefügt, und jäher Schmerz durchfuhr sie.

Ein undefinierbarer Ausdruck huschte über das Gesicht des Padre. »Schauergeschichten? Nun, tatsächlich wohnt dem See ein ganz eigener Geist inne …«

Der Zug tauchte in einen der zahlreichen Tunnel auf der Strecke, und ihr Abteil lag, nur vom Schein einer schwachen Deckenlampe erhellt, unvermittelt im Halbdunkel. Als das Tageslicht zurückkehrte, hatte Regen eingesetzt, und Padre Luka wirkte still und in sich gekehrt. Leonora fröstelte in der mit einem Mal merklich kälteren Luft und bereute ihre vorherige Offenheit. Jetzt hatte sie diesem Fremden ganz unnötig Dinge erzählt, die vielleicht nicht nur in ihr schmerzliche Erinnerungen weckten.

***

Weiter liest du ab Ende April, wenn “Leonora und die schnellen Reiter” als eBook erscheint. Ich bin schon sehr gespannt. wie dir meine historische Geisternovelle gefällt!

Herzlich,
👋 Angela