Ich hatte euch ja letztens nach meinen Ausflügen in Geschichte der Frauenmode von 1800 und bis 1900 auch einen Modepost zu den Männern versprochen, hier ist er! Und ja: Auf den ersten Blick wirkt die Herrenmode jener Zeit weniger wandelbar als die der Damen. Doch für meine Romane, wie zB die Meran-Saga, gehört die korrekte Darstellung der historischen Kleidung zur Recherche dazu. Und ich kann euch versichern: Zwischen Hut und Hose tat sich da einiges! Hier also die Männermode im 19. Jahrhundert im Überblick:
1. Vom Revolutionär zum Gentleman – 1800 bis ca 1840
Nach der Französischen Revolution ist Schluss mit Perücke und Seidenstrümpfen. Die Sans-Culottes (frz. für „Kniebundhosen-lose“) hatten die lange Hose als politisches Statement gegen die Mode des Adels eingeführt, nun wird sie während der Zeit Napoleons und des Empire zum Standard. Mann trägt zwar manchmal noch Abarten des Dreispitz, doch die Zöpfe müssen ab, langes Haar ist out – stattdessen kommt der sogenannte „Tituskopf“ schwer in Mode: kurz, gelockt und antikisierend, so als wär man im alten Rom.

Die modebewußten Herren des Regency und der Klassik kleiden sich eher schlicht: dunkle Farben, körpernahe Schnitte, Westen, extrem hohe Kragen, dazu ein betont lässig gebundenes Halstuch. Und weil die hautengen Hosen und taillenkurzen Jacken (man kennt den Look aus Jane-Austen-Filmen) nicht das kleinste Speckröllchen zulassen, tragen auch die Männer oft Korsett.
Der berühmte „Dandy“ Beau Brummell prägt Europa als Stilikone in jener Zeit. Und mit dem Siegeszug der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts verschwinden auch die allerletzten Reste an Ancien-Régime-Rüschigkeit aus der europäischen Herrenmode.

2. Die Jahre 1840–1890: Männermode als bürgerliche Uniform in industrieller Ordnung
Mit dem erstarkendem Bürgertum wird Kleidung zu einer deutlich subtileren sozialen Visitenkarte. Der Gehrock dominiert die Männermode, später gewandelt in das noch etwas schlichtere Jackett. Hohe Kastorhüte (beaver hats) und später dann Zylinder sind im viktorianischen Zeitalter sehr beliebt. Dazu trägt ein Gentleman Gehstock und Handschuhe, auch beim Balltanz. Anzüge von Londoner Schneidern gelten als state of the art und die Silhouette wirkt streng, fast militärisch.

Bei der Kleidung ist also wenig Spielraum. Um so wilder tobt sich diese Epoche in Sachen Bart aus. Ja, Bärte boomen! Kinnlange Koteletten, Backenbärte, Vollbärte, Zwirbelbärte, Schnurrbärte – wer etwas auf sich hält, trägt während der Belle Époque auf jeden Fall Bart, das gilt als Zeichen von Reife, Seriosität und Autorität.

Dazu kombinieren Modebewußte gerne Mäntel wie den Redingote oder den heute exzentrisch anmutenden Pelerinenmantel, dieser wird inzwischen vor allem mit Sherlock Holmes assoziiert.
Daheim hüllt sich der feine Herr dann in einen bequemen Morgenmantel aus indischem Brokat und trägt dazu türkische Pantoffeln. Alles „orientalische“ oder „exotische“ ist zur Hochzeit des Kolonialismus schick, über Hintergründe macht sich leider kaum einer Gedanken, von kultureller Aneignung ganz zu schweigen. Doch ich schweife ab, gehen wir lieber über zum letzten Zeitraum, nämlich der…
3. Männermode um 1900: Die Moderne kündigt sich an
Um die Jahrhundertwende wirkt vieles erstaunlich vertraut. Dreiteiler, schlichte Schnitte, gedeckte Farben, mitunter besteht fast Verwechslungsgefahr zur Gegenwart. Nur die Vatermörderkragen lassen ahnen, dass wir noch nicht in der Jetztzeit angelangt sind. Kopfbedeckungen aller Art – Zylinderhut, Homburg, Melone, Schieberkappe, Strohhut, Ballonmütze – bleiben weiterhin Pflicht, im Sommer nun gern als sogenannte „Kreissäge“ aus hellem Stroh.
Parallel beeinflusst das neue Phänomen Sport die Alltagsmode der Wohlhabenderen (denn nur die haben genug Freizeit, um sich sportlich zu betätigen): Tennis, Fußball, Cricket, Baseball erleben ihre institutionelle Geburt, es entsteht erstmals so etwas wie Sportswear.
Fast beiläufig vollzieht sich parallel ein weiterer Wandel: Die Frauenmode übernimmt Elemente der Herrenmode – Blusen, Jacken, klare Linien. Die Mode des 20. Jahrhunderts kündigt sich hier bereits an, auch wenn es noch ein weiter Weg ist bis zur modernen Alltagsuniform für alle: T-Shirt und Jeans.

So, das war die Männermode. 🙂 Wer noch mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem kann ich das ausgezeichnete Buch „How to read a suit“ empfehlen – und natürlich meine bisherigen Blogartikel dazu.


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