Auf in die Sommerfrische – Reisen in der Belle Epoque

Thiele Postkarte, public domain

Heute gibt es eine Premiere: Grete Otto vom Geschichtsportal „Bürgerleben“ verrät uns in einem Gastartikel, wie man im späten 19. Jahrhundert reiste – also genau das, was auch meine Romanfiguren immer wieder tun.

In den Sommermonaten zog es das Bürgertum, zum Beispiel im Deutschen Kaiserreich, gern in die sogenannte „Sommerfrische“. Was darunter zu verstehen war und welche Regeln dort galten, erzählt Grete hier. Viel Spaß!

Auf in die Sommerfrische

Reisen in der Belle Epoque


Autorin: Grete Otto

Sommerfrische — das klingt nach Licht, Wärme, leichter Brise, wehenden Kleidern, stolzen Grandhotels, Kutschen und Promenaden. In der Kaiserzeit meinte das vor allem: raus aus der Stadt. Die Großstädte wuchsen, der Verkehr nahm zu, die Straßen wurden enger, und schon damals klagte man über schlechte Luft und die Hektik des modernen Lebens. Auf dem Land suchte man Erholung, Weite und einen Gegenpol zum Alltag.

Die Sommerfrische war meist keine kurze Flucht, sondern ein längerer Aufenthalt von mehreren Wochen. Die Anreise war beschwerlich genug, sodass man an Ort und Stelle bleiben wollte, sobald man endlich angekommen war. Nicht selten stieß der Familienvater erst am Wochenende zur Familie, während er unter der Woche in der Stadt blieb. Die Sommerfrische war damit ein geplanter Ausbruch aus dem Alltag als Ferienglück. Natürlich hatten nicht alle Menschen die Mittel, um in die Sommerfrische zu fahren. Aber: Auch mit kleinem Budget konnte man verreisen, es gab entsprechende Quartiere und auch günstige Möglichkeiten der Anfahrt.

Gastartikel Sommerfrische-Bild; Bürgerleben zu Reisen in der Belle Epoque
Viel los: Bahnhof Friedrichstrasse – zeitgenössische Illustration (ca. 1901), Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Wohin? Reiseziele

Die Wahl des Reiseziels war schon damals eine eigene kleine Wissenschaft. Besonders beliebt waren Harz, Thüringen, Rügen, die Nordseeküste und Oberbayern — also Ziele, die landschaftlich reizvoll und noch vergleichsweise gut erreichbar waren. Auch die Schweiz und Österreich genossen großes Ansehen. Fernreisen nach Italien, Skandinavien oder gar Ägypten blieben dagegen einer sehr wohlhabenden Schicht vorbehalten

Sommerfrische-Bild; Bürgerleben zu Reisen in der Belle Epoque
Ruhiges Waldidyll: Harz, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Doch es ging nicht nur um Geld und Entfernung. Auch der Urlaubstyp entschied mit: Die einen liebten mondäne Seebäder mit Gesellschaft, Komfort und Repräsentation. Die anderen suchten stille Orte, Privatpensionen und das einfache Leben. Schon damals standen sich also zwei Urlaubsideale gegenüber – repräsentativ oder zurückgezogen. 

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Mondänes Seebad: Heringsdorf/ Insel Usedom, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Der Fremdenverkehr war zu dieser Zeit bereits erstaunlich gut organisiert. Kur- und Bäderverwaltungen, Seebäder und Verkehrsvereine warben mit Anzeigen, Prospekten und Lobeshymnen um Gäste. Klima, Höhen- oder Seeluft, Bademöglichkeiten und günstige Preise wurden herausgestellt, oft mit dem Verweis auf ärztliche Empfehlung. So entstanden frühe Formen dessen, was wir heute selbstverständlich als Tourismusmarketing bezeichnen würden.

Die Reiseplanung

Im frühen 20. Jahrhundert reiste man meist für längere Zeit an einen Ort statt von einem Ziel zum nächsten zu ziehen. Genau darauf war die Hotelbranche in Sommerfrischen zugeschnitten: auf Gäste, die blieben. Wer ein Reiseziel gefunden hatte, griff zu Reiseführern, studierte Zeitungsannoncen und orientierte sich an Empfehlungen. Dort fanden sich Hotels, Pensionen, Verkehrsverbindungen, Preise, Ausflugstipps und oft sogar Kartenmaterial.

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Annoncen für Reiseziele, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Die Buchung erfolgte per Brief oder telefonisch, und erst nach der Zusage begann die eigentliche Vorbereitung. Reiseplanung bedeutete also bereits damals, Organisation, Vorfreude und ein gewisses Maß an Aufwand miteinander zu verbinden. Wer verreisen wollte, musste rechtzeitig denken – und vor allem rechtzeitig schreiben!

Kofferpacken

Koffer waren in der Belle Époque nicht bloß Gepäckstücke, sondern treue Reisegefährten, die mit Hotel- und Städtemarken ihre persönliche Note bekamen. Sie waren robust und schwer – und weit entfernt von der Bequemlichkeit heutiger Rollkoffer (die es erst seit den Siebziger Jahren gibt). Gepackt wurde mit Bedacht, denn sowohl Übermaß als auch falsche Sparsamkeit konnten die Reise unnötig beschweren. 

Zum Gepäck gehörten Wäschebeutel, Stiefelsäcke und das unverzichtbare Necessaire. Herren brauchten meist einen Gehrock und passende Schuhe; Damen wiederum zusätzlich einen Hutkoffer und reichlich Platz für Kleider, Schuhe und Accessoires. Das Gepäck wurde deshalb oft von Dienstboten oder Gepäckträgern transportiert. Es konnte vorab auf der Bahn aufgegeben werden. Man reiste mit Stil – wenn man jedoch zum Tragen kein „Personal“ hatte, war es ein im doppelten Sinne beschwerliches Unterfangen. 

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Kofferwerbung, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Anreise

Per Eisenbahn

Die Eisenbahn veränderte das Reisen grundlegend und vergrößerte den Reiseradius erheblich. Oft wurde ein Ort gerade durch seinen Bahnanschluss zum touristischen Ziel. Nicht nur die Landschaft musste stimmen, auch Sehenswürdigkeiten, Kurmöglichkeiten und ein gewisses Maß an Zerstreuung machten einen Ort attraktiv. Noch war das Bahnsystem allerdings nicht einheitlich organisiert; erst 1919 entstand die Deutsche Reichsbahn.

Zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten zählte Berlin mit seinen verschiedenen Bahnhöfen. Der 1880 eröffnete Anhalter Bahnhof galt lange als besonders repräsentativ, wurde aber bald von neuen Monumentalbauten in anderen Städten wie Frankfurt oder Dresden übertroffen. Die großen Bahnhöfe waren selbst Aushängeschilder ihrer Städte und standen für Fortschritt, Macht und Wohlstand.

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Neue Bahnhöfe braucht das Land: Beispiel Bahnhof Dresden, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Der Zug war das bevorzugte Verkehrsmittel für die Sommerfrische. Gerade in der Ferienzeit waren Bahnsteige und Abteile dicht gefüllt. Wer verreiste, reservierte oft frühzeitig und informierte sich im Kursbuch über Verbindungen und Umstiege. Für längere Strecken gab es Schnell- und Eilzüge, daneben die langsameren Bummelzüge für regionale Reisen.

Im Zug unterwegs: Vierklassengesellschaft

Die Reisebedingungen unterschieden sich deutlich nach Klasse. In der ersten Klasse saß man bequem in gepolsterten Sesseln, in der zweiten noch recht angenehm, meist zu sechst im Abteil. Die dritte Klasse war schlichter, mit Holzbänken und deutlich weniger Komfort. In der vierten Klasse schließlich reiste man sehr beengt und oft nur mit dem Nötigsten um sich. Toiletten und Waschgelegenheiten waren lange Zeit vor allem in den besseren Wagen vorhanden.

Für allein reisende Damen gab es in den ersten beiden Klassen eigene Damenabteile, die sogenannten Damen-Coupes. Auch das Gepäck war Teil der Reiseorganisation: Handgepäck nahm man mit, alles Weitere wurde aufgegeben und in vielen Fällen zusätzlich berechnet. Wer eine Rückfahr- oder Rundreisekarte besaß, hatte oft ein bestimmtes Freigepäck inklusive.

Reisevorbereitungen begannen also lange vor der Abfahrt. Fahrkarten mussten gelöst, Gepäck organisiert und Anschlüsse sorgfältig geprüft werden. Selbst der Bahnsteig war nicht einfach frei zugänglich, sondern manchmal nur mit besonderem Billett erreichbar. Reisen war damit ein geordnetes, aber durchaus aufwendiges Unternehmen.

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Reisezeit am Stettiner Bahnhof in Berlin (Foto Waldemar Titzenthaler), Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Badezüge und Wartesäle

Zu den Nord- und Ostseebädern gab es eigens sogenannte Badezüge. Sie verbanden Städte und Seebäder oft so geschickt mit den Fahrplänen der Dampfer, dass die Weiterreise fast nahtlos erfolgen konnte. Schon damals war die Sommerfrische also gut auf den Tourismus abgestimmt.

Auch die heutigen Reisezeiten erscheinen im Vergleich nicht immer komfortabler. Manche Strecken waren überraschend schnell. Die Fahrt von Berlin bis Ahlbeck auf Usedom dauerte z.B. etwa nur dreieinhalb Stunden. Wer umsteigen musste, wartete in klassisch eingerichteten Wartesälen, die ebenfalls nach Klassen getrennt waren. Ordnung, Bequemlichkeit und Rang bestimmten das Reisen bis in die letzten Details.

Per Automobil

Die ersten Automobile erinnerten mit ihrem offenen Verdeck, der hochbeinigen Bauweise und der karosserieartigen Form noch stark an Kutschen. In den Anfangsjahren wurden sie häufig als „Selbstfahrer“ bezeichnet. Ein Auto war teuer und blieb lange ein Luxusgut, das sich nur sehr wohlhabende Menschen leisten konnten. Oft gehörte auch ein Chauffeur dazu, denn die neue Technik verlangte nicht nur Geld, sondern auch Verständnis für ihre Eigenheiten.

Ganz reibungslos verlief eine Autofahrt selten. Die Straßen waren meist noch für Pferdewagen ausgelegt, oft unbefestigt oder mit Kopfsteinpflaster versehen. Hinzu kam, dass man Benzin nicht an Tankstellen kaufte, sondern in Apotheken oder Drogerien. Das Automobil war also faszinierend, aber noch keineswegs alltagstauglich.

Trotz aller Vorbehalte hatte das Auto einen entscheidenden Vorteil: Man war nicht an Fahrpläne gebunden. Wer reiste, konnte sich frei und individuell bewegen. Doch genau diese Unabhängigkeit brachte auch Pannen, Reifenplatzer und technische Probleme mit sich. Gerade deshalb blieb die Eisenbahn für weite Strecken zunächst weiterhin das verlässlichere Verkehrsmittel.

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Kam öfter vor: Panne unterwegs (Foto 1903), Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Per Kutsche und Postwagen

Neben dem Auto spielten Kutschen und Fuhrwerke noch eine wichtige Rolle, auch wenn ihr Bedeutungsverlust bereits sichtbar war. Gerade deshalb wurden sie später oft romantisch verklärt. In Wirklichkeit waren solche Fahrten langsam und beschwerlich, vor allem auf längeren Strecken.

Postkutschen verbanden kleinere Orte miteinander oder führten von einer Ortschaft zum nächsten Bahnhof. Wer mit ihnen reisen wollte, musste gut planen, denn die Plätze waren begrenzt. Häufig wurde vorher eingeschrieben, um sich einen guten Platz zu sichern. Auch das Gepäck musste rechtzeitig aufgegeben werden, und für mehr als das erlaubte Maß wurde eine zusätzliche Gebühr fällig.

Die Ausstattung der Kutschen war unterschiedlich. Es gab Plätze im Inneren, das sogenannte Coupé, sowie bei manchen Wagen Außenplätze mit besserem Ausblick. Wer in einem der mittleren Innenplätze saß, sah deutlich weniger von der Landschaft. Dafür waren die Fahrten vergleichsweise günstig und für kürzere Strecken noch lange gebräuchlich.

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Anreise per Kutsche, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Per Dampfschiff

Dampfschiffe waren ebenfalls ein wichtiges Verkehrsmittel, besonders auf Flüssen, Seen und für die Anreise an Küstenorte. Sie dienten nicht nur Ausflugsfahrten, sondern auch als ernsthafte Reiseverbindung. Gerade zu den Ostsee- und Nordseebädern gab es regelmäßige Fahrten, oft mit dem Eisenbahnnetz abgestimmt.

Wer auf Inseln wie Rügen, Usedom oder Sylt wollte, konnte Bahn und Schiff kombinieren. Auf manchen Strecken war der Dampfer sogar die angenehmste Art der Weiterreise. Besonders die komfortablen Salondampfer galten als elegante und repräsentative Verkehrsmittel. Für die Sommerfrische war das durchaus passend: Die Reise selbst durfte schon ein Teil der Erholung sein.

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Mit dem Schnelldampfer in den Urlaub, Bildrechte: Sammlung Bürgerleben

Fazit

So sehr das Automobil auch als Zukunftsversprechen erschien — die Eisenbahn blieb für die meisten Reisenden das wichtigste Verkehrsmittel. Das Bahnnetz war gut ausgebaut und verband nicht nur die großen Städte, sondern auch viele Urlaubsorte. Wer im Tourismus vorne mitspielen wollte, brauchte deshalb einen Bahnanschluss.

Für die Entwicklung vieler Sommerfrische-Orte war genau das entscheidend. Bahn, Kutsche, Dampfschiff und in seltenen Fällen das Auto ergänzten sich, doch die Eisenbahn setzte lange Zeit den Maßstab. Sie war schnell, vergleichsweise zuverlässig und mit ihren vier Klassen für ein breites Publikum erschwinglich.

Was Reiseziele und -möglichkeiten angeht, markierte der Beginn des 20. Jahrhunderts auch den Beginn des Massentourismus. Reisen zum Zweck der Erholung wurden für viele Menschen erschwinglich. Es gab ein breites Spektrum an Möglichkeiten und beliebte Orte und Gegenden boten Informations- und Werbematerial an. Reiseführer zeigten Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten auf und waren meist mit Landkarten versehen. Die meisten fanden ihre Reiseziele in Deutschland und den angrenzenden Ländern – Fernreisen blieben exklusiv, da zu teuer und zu weit entfernt. 


Über Grete Otto 

Geboren in Jena, lebe ich inzwischen in Frankfurt und Berlin. Geschichte hat mich schon immer fasziniert, seit einigen Jahren beschäftige ich mich damit hauptberuflich. Als Autorin und Betreiberin des Geschichtsportals www.buergerleben.com fasziniert mich insbesondere die Zeit der Belle Époque! So viel entwickelte sich in diesen Jahren in Gesellschaft, Technik und Wissenschaft. Auch die Emanzipation der Frauen nahm während dieser Zeit Fahrt auf. Auf meiner Seite findet Ihr viele Artikel und Informationen von kompetenten Experten und auch mir.  🤓

Autorenfoto Grete Otto; Gastartikel v,m Blog Bürgerleben zu Reisen in der Belle Epoque
Grete Otto, Bildrechte: privat

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